Nach der Rückkehr aus dem Urlaub ist das traute Heim ein Tatort VON ANDRÉ RICCI Jesteburg. Es gibt verschiedene Arten, Opfer einer Straftat zu werden. Viele davon sind körperlich und seelisch schmerzhaft, manche grausam, unerträglich. Als Burkhard Homburg und seine Frau Ulrike Homburg-Kaliga zu Opfern werden, geht es ihnen prima. Ihr Urlaub neigt sich langsam dem Ende zu, doch noch liegen rund eine Woche und 18 000 Flugkilometer zwischen ihnen und den kleinen und größeren Problemen des Alltags, zwischen Neuseeland und Deutschland. Das Rentnerpaar liebt es, ferne Länder zu bereisen. In ihrem Wohnzimmer lächelt eine Buddha-Statue, ihr weitläufiger Garten mutet japanisch an. Sie haben es sich schön eingerichtet in Jesteburg vor den Toren Hamburgs. Eine ruhige, gute Wohngegend. Nah am Wald, aber auch nah an der Autobahn. Wer hier lebt, möchte seine Ruhe haben, aber auch den schnellen Anschluss an die Großstadt und die Welt. Wenn das Paar auf Reisen ist, schaut ein guter Bekannter nach dem Rechten. Gießt die Pflanzen, leert den Briefkasten. So auch an jenem Tag im Juni 2015. Ihm fällt zunächst nichts Ungewöhnliches auf. Bis sein Blick die Terrassentür streift. Auch sie sieht nicht anders aus als sonst. Nur steht sie offen. Die Polizei wird später feststellen, dass die Täter durch ein Seitenfenster eingestiegen sind und die Terrassentür als Fluchtweg genutzt haben. Aus Sicht der Beamten hatten die Hauseigentümer Glück im Unglück, denn die Einbrecher taten nur das aus ihrer Sicht Nötigste. Sie durchwühlten Schränke und Schubladen, brachen ein Fenster auf, aber zerstörten nicht mutwillig das Inventar. Auch schienen sie auf dem ersten Blick nicht besonders erfolgreich gewesen zu sein. Der Tresor jedenfalls stand unversehrt und verschlossen an seinem Platz. Eine Alarmanlage am Haus will nicht zum eigenen Leben passen „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, dichtete einst Matthias Claudius. Auch Homburg und seine Frau hatten schöne Geschichten im Gepäck, als ihr Urlaub endete. Homburgs Schwager holte das Paar vom Flughafen ab. Ausgerechnet. Er hat ein Unternehmen für Sicherheitstechnik und wollte Homburg zum Einzug eine Alarmanlage am Haus installieren, als Geschenk. Doch der lehnte dankend ab. Ein alarmgesichertes Haus? Das passte nicht zu ihm, Homburg fühlte sich nicht bedroht. Es erschien ihm abwegig. Auf der Fahrt ins heimische Jesteburg ging es nicht um Urlaubsanekdoten. Der Schwager redete, er hatte die interessanteren Neuigkeiten. Leider keine guten. „Menschen reagieren höchst unterschiedlich auf Straftaten“, sagt Wolfgang Baron. Der Kriminalbeamte ist Außenstellenleiter des Weißen Rings im Heidekreis. Er und seine rund zehn ehrenamtlichen Mitstreiter im Landkreis stehen Kriminalitätsopfern zur Seite, vermitteln ihnen wichtige Kontakte, helfen dabei, durch Straftaten verursachte finanzielle Notlagen unbürokratisch zu überbrücken. Sie tun das, wozu Ermittlern, deren Job die Beschäftigung mit den Tätern ist, die Zeit fehlt. Manchmal klingelt sein Telefon fünf Mal am Tag, weil Opfer oder deren Angehörige sich mit ihren Sorgen und Nöten alleingelassen fühlen. Manchmal passiert eine Woche lang gar nichts. Die meisten Menschen, die sich an Baron wenden, wurden Opfer physischer Angriffe. Ihr Leid ist sichtbar, sofort nachvollziehbar. Ihnen wurden Zähne ausgeschlagen oder Schnittwunden zugefügt, sie befinden sich in ärztlicher Behandlung oder liegen im Krankenhaus. „Einbruchs–opfer spielen eine untergeordnete Rolle“, sagt Baron. Aber auch sie wenden sich regelmäßig an den Weißen Ring im Heidekreis, jedes Jahr einige Fälle. Meist einmalige Kontakte, eine konkrete Frage, ein klärendes Gespräch. Bei manchen aber auch eine über Jahre andauernde Begleitung. „Oberstes Gebot ist Vertraulichkeit“, sagt Baron. Keine Details zu Einzelfällen. Das größte Problem von Einbruchsopfern, die es nicht schaffen, die Tat emotional hinter sich zu lassen, sei das bleibende Gefühl tiefer Verunsicherung. Die Angst. „Nach der Tat investieren Einbruchsopfer oft Zigtausende in mehr Sicherheit“, sagt Baron. Viele wüschen ihre gesamte Wäsche durch, um ihr Ekelgefühl loszuwerden, dass da jemand war, der alles angefasst und durchwühlt hat. Manchmal reicht das alles nicht, kehrt die Vertrautheit nie mehr zurück in das eigene Heim, das für immer ein Tatort bleibt. Baron kennt Fälle, in denen Opfer am Ende ausgezogen sind, um alles hinter sich zu lassen. Als Homburg zu Hause ankommt weiß er ungefähr, was geschehen ist. Aber die Emotionen übermannen ihn erst, als er in dem Chaos steht, das die Unbekannten hinterlassen haben. Der Tresorschlüssel befindet sich nicht an seinem Platz, er liegt unter dem durchwühlten Bettzeug. Die Einbrecher haben den Tresor ausgeräumt und danach wieder verschlossen. Der wertvolle Schmuck seiner Frau, der sich über mehr als drei Jahrzehnte angesammelt hat und als Teil ihrer Alterssicherung gedacht war, ist weg. „Die waren durchaus wählerisch und haben nur die wertvollsten Stücke mitgenommen“, sagt Homburg. Eine Versicherung, die den Schaden hätte begleichen können, hatte das Paar nie abgeschlossen. „Ich habe mich gefragt: Wie dämlich warst Du eigentlich?“ Zur Wut gesellt sich Scham. „Keiner ist darauf vorbereitet, Opfer zu werden“ Wolfgang Baron , Außenstellenleiter Weißer Ring Heidekreis Homburg ist 75 Jahre alt, seine frühesten Kindheitserinnerungen sind Fragmente einer Flucht. Seine Familie stammt aus Ostpreußen, er war drei Jahre alt, als es in den Westen ging. In der Bundesrepublik lief es gut für ihn, mit seiner Frau hat er sich einigen Wohlstand erarbeitet. Zeitweilig besaßen beide mehrere größere Häuser. Deutschland, ein prosperierendes und sicheres Land, so haben sie es erlebt, wurden selbst Teil dieser Erfolgsgeschichte. „Wir sind keine ängstlichen Leute“, sagt Homburg, „eher unbekümmert“, optimistisch. Kann ein einzelner Einbruch solche grundsätzlichen Lebenseinstellungen verändern? Homburg antwortet meist schnell, er hat in den vergangenen drei Jahren oft über Einbrecher geredet, auch öffentlich. Bei dieser Frage stockt er. Er sei heute wohl „empfindlicher“, sagt er schließlich. Geradezu körperlich empfundenes Unwohlsein nach der Tat „Keiner ist darauf vorbereitet, Opfer zu werden“, erklärt Wolfgang Baron vom Weißen Ring. In seinem Haus stehend, das nun ein Tatort war, empfand Homburg intensive Emotionen. Da war jemand, ein Fremder, ein „Ganove“, wie Homburg formuliert. „Man kann die Leute regelrecht riechen“, ringt er nach passenden Worten für ein starkes, geradezu körperlich empfundenes Unwohlsein. „Die haben einen wehrlos gemacht“, sagt er. Für ihn, dem es immer wichtig war, selbstbestimmt zu leben, ein schwerer Brocken, „eine Erniedrigung“. Er hat das mal mit einer Vergewaltigung verglichen, so steht es noch immer im Internet. Homburg weiß selbst, dass das unpassend war; er winkt ab, das könne man nicht miteinander vergleichen, sagt er heute. Aber er habe die Tat nicht so stehenlassen können, das sei ihm sofort klar gewesen, denkt er zurück an seine Empfindungen nach der Tat. Es gebe zwar kein Patentrezept, erklärt Baron, doch vielen Geschädigten helfe es, aktiv zu werden, etwas zu tun. Herauszukommen aus der passiven Opferrolle, in die der Täter einen zwingt. „Zum Beispiel Mitglied werden beim Weißen Ring“, schlägt Baron lächelnd vor. „Die Initiative ergreifen.“ An die Öffentlichkeit gehen als eine Art von Therapie Homburg sichert sein Haus, investiert in Einbruchsprävention. Aber er tut noch viel mehr. Er geht an die Öffentlichkeit, wird zum Blogger. Unter www.einbruch-opfer.de eröffnet er zunächst ein Forum für Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie er selbst. Die Seite gibt es immer noch, auch wenn sich ihr Charakter zwischenzeitlich verändert hat. Die Forumsidee war an mangelnder Resonanz gescheitert, heute dient die Seite der Information und Lobbyarbeit für Einbruchsopfer. Viele nützliche Links sind gesetzt. „Für mich ist das auch eine Form von Therapie“, sagt Homburg. Er fordert mehr Polizisten, bemängelt die aus seiner Sicht zu hohen gesetzlichen Hürden für Ermittlungsmaßnahmen, die in Grundrechte eingreifen. Solche markigen Forderungen haben ihn schon den Vorwurf eingebracht, er sei ein „rechter Blogger“, der Bürgerwehren befürworte. Hombach weist das von sich. Er ist der Meinung, dass sich in den vergangenen drei Jahren einiges zum Besseren entwickelt habe, das Thema Wohnungseinbruch inzwischen einen höheren Stellenwert genieße. Die zuletzt gesunkenen Fallzahlen und die Anhebung der Mindeststrafe für Wohnungseinbruchdiebstahl im vergangenen Jahr seien ermutigend. Homburg glaubt an eine positive Eigendynamik. Und ein wenig stolz ist er auch. Darauf, dass er seinen Anteil an der Entwicklung hat. Dreimal wurde Homburg bereits als Experte in eigener Sache in TV-Sendungen eingeladen. Zuletzt warb er während des Bundestagswahlkampfs in der von Marietta Slomka moderierten Sendung „Wie geht‘s, Deutschland?“ für Empathie mit Einbruchsopfern. Er konnte den Einbruch in sein Haus nicht verhindern. Beim Gedanken an die gesichtslosen Täter, die nie gefasst wurden und kaum Spuren hinterließen, empfinde er immer noch „tiefe Verachtung“. Aber ihr Opfer ist er nicht mehr.937597 türen Täter wählen meist Neben- statt Hauseingangstüren. Angegriffen werden das Schloss mit Beschlag, der Rahmen und die Zapfen, in denen die Tür hängt. fenster Fenster und Terassentüren sind die häufigsten Einstiegsstellen. Schließteile aus Stahl in Kombination mit Pilzkopfverriegelungen bieten Schutz. beleuchtung Grundstücke sollten ohne tote Winkel ausgeleuchtet und mit Bewegungsmeldern versehen sein. briefkästen Übervolle Briefkästen und andere Hinweise auf längere Abwesenheit sollten vermieden werden. jalousien Der Nachteil einer Jalousie ist, dass sie tagsüber, wenn die meisten Einbrüche geschehen, in der Regel nicht runtergelassen ist. gartenmöbel Einbrecher nutzen herumstehende, nicht befestigte Gartenmöbel gerne als Aufstiegshilfen. Kameras Kameraüberwachung ist nur zulässig, wenn allein das eigene Grundstück erfasst ist und Betroffene wissen, dass sie gefilmt werden. Burkhard Homburg litt stark unter den Folgen eines Einbruchs, doch er fand einen Weg heraus aus der aufgezwungenen Rolle als passives Opfer Ist da was zu holen? Wie einfach komme ich da rein? Wie groß ist das Risiko? Wenn Eva Peukert ein Haus begutachtet, tut sie das mit den Augen eines Einbrechers. Die 56-jährige Kriminalhauptkommissarin und Beauftragte für Kriminalprävention berät Bürger im Heidekreis dabei, es Einbrechern schwer zu machen. Denn Probleme mögen die gar nicht. „Nach drei bis fünf Minuten geben die meisten auf“, weiß Peukert. Im Heidekreis wurden 2017 fast 40 Prozent aller Einbrüche vor der Tatvollendung abgebrochen. Dies könnte darauf hinweisen, dass inzwischen viele Häuser so gesichert sind, dass Einbrecher scheitern. „Ich stelle jedenfalls fest, dass das Interesse am Thema Einbruchsschutz in den dass ein gestiegenes Interesse am Thema Einbruchsschutz fest“, sagt Peukert. Wohnungseinbrecher scheuen das Licht, aber auch die Nacht

Es gibt verschiedene Arten, Opfer einer Straftat zu werden. Viele davon sind körperlich und seelisch schmerzhaft, manche grausam, unerträglich. Als Burkhard Homburg und seine Frau Ulrike Homburg-Kaliga zu Opfern werden, geht es ihnen prima. Ihr Urlaub neigt sich langsam dem Ende zu, doch noch liegen rund eine Woche und 18000 Flugkilometer zwischen ihnen und den kleinen und größeren Problemen des Alltags, zwischen Neuseeland und Deutschland.

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